Todesanzeigen hatten mich nie interessiert. Schon gar nicht in dieser Stadt, in der ich niemanden zu kennen glaubte, dessen Tod dem meinen vorausgehen könnte. Meine Freunde und Bekannten standen mitten im Leben, ernährten sich gesundheitlich korrekt, joggten an den Wochenenden oder arbeiteten sich einmal pro Woche durchs Fitnesstudio. Alle strotzten vor Energie und versprühten unbändige Lebenslust. Es gab für mich daher keinen Grund, Todesanzeigen zu lesen, auch nicht an jenem Samstag Anfang der 1990iger, an dem ich auf die von Sascha stieß. Es war Zufall. Ich geriet beim Umblättern auf die zweiseitigen Trauernachrichten und an der Stelle, an der mein Blick noch von der letzten Seite her haftete, las ich: Sascha ist tot. Es konnte nur einer gemeint sein, da war ich mir sicher.
Georg erklärte später, Zufälle gäbe es nicht, alles sei vorherbestimmt, auch, daß ich gerade an diesem Tag unter den sonst unbeachteten Todesanzeigen auf die von Sascha gestoßen sei. Was Sascha von diesen Dingen hielt, weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß er Angst vor dem Sterben hatte. Und nun war es im Schlaf passiert, in der Nacht: Magenblutung - er war seinen Tod gewissermaßen aus dem Weg gegangen, hatte dem Sterben ein Schnippchen geschlagen, hatte sein Abtreten einfach ignoriert. Sicher ist es freilich nicht, daß er nicht doch aufgewacht ist: in der nicht besonders kalten Novembernacht, an einer zum Abriß vorgesehenen Tankstelle, wo er sich nur von seinem Hund begleitet, zum Schlafen hingelegt hatte. Warum war er nicht wie sonst bei den anderen geblieben? Hatte er sich, einer Ahnung folgend, wie ein alter Indianer in die Einsamkeit zum Sterben zurückgezogen? Ihm selbst hätte diese Vorstellung gefallen, er glaubte an die Mythen und Weisheiten der Indianer.
Die Weisheiten von Sascha klangen so: Ich bin ein Auto, das gelegentlich etwas Benzin verliert, das drinnen aber sehr gemütlich ist. Oder: Ich bin ein Baum, der viel Schatten spendet, aber nur schwer zu besteigen ist. Schließlich: Ich bin eine alte Socke, auf die man aber nicht ganz verzichten sollte. Doch schützt solche poetische Melancholie wohl nicht vor unaufhaltsamer Selbstzerstörung, vielleicht ist darin sogar schon das nicht mehr zu stopfende Leck angelegt, durch das die Lebensenergie immer schneller abfließt.
Als Sascha bei uns im Haus einzog, war er ein kleiner Junge mit großen Augen und einem schüchternen Lachen. Er war im Heim aufgewachsen, da das Jugendamt seiner Mutter die Vormundschaft entzogen hatte. Vom Vater sowieso keine Spur. Georg war auch im Heim, allerdings als Sozialpädagoge. Irgendwann nahm er Sascha als Pflegekind bei sich auf und so zog dieser in die Wohnung über uns. Als ich drei Jahre später damit begann, Sascha Nachhilfeunterricht für die Berufsschule zu geben, war er zum Edelpunker avanciert: nagelneue Springerstiefel, eine frisch gewaschene khaki-farbene Kampfhose und eine sorgsam gestylte Punkerfrisur, deren giftgrüne Stacheln herausfordernd in den Himmel stachen. Abgesehen von seinem provozierenden Äußeren war Sascha ausgesprochen friedlich, ein netter Jugendlicher, der außerdem sehr gut mit Erwachsenen umgehen konnte. In diese Zeit fiel auch eine gemeinsame Silvesterparty, mit Blei gießen und aus der Hand lesen. Letzteres hatte ich übernommen und da ein Spiel nur dann Spaß macht, wenn man die Spielregeln beherrscht, hatte ich mich kundig gemacht. Natürlich hielt ich das alles für Humbug. Trotzdem hatte ich schon mehrere Handlandschaften gedeutet, als mir Sascha die Hand entgegenstreckte. Ich höre noch sein Lachen und sehe seinen Arm, der sich im Näherkommen umwendet und mir die Handfläche freigibt. Ich war trotz aller Handleseskepsis erschrocken, als ich statt einer jugendlich unverbrauchten Lebenslinie nur lauter Furchen fand und statt Symmetrie nur Chaos sah. Da das Ganze jedoch nur ein launiges Spiel war, wechselte ich schnell die Regeln und entdeckte im wogenden Furchenmeer einen rasch nahenden Erfolg, was nichts anderes heißen konnte, als einen gelungenen Abschluß der Lehre und eine auf dem Fuß folgende Stelle als Tierpfleger. Meinen Prognosen waren richtig: Sascha bekam eine Stelle als Tierpfleger. Doch gleichzeitig kam er immer seltener nach Hause, ging vom Tierasyl gleich zur Punkerwiese und verbrachte dort bald auch seine Nächte. Nur manchmal, wenn er völlig fertig war und nicht mehr wußte, wer er war und was er tat, rief er Georg an, der ihn abholte wann immer nötig und so gut es ging wieder aufpeppelte. Aber Sascha blieb nicht mehr. Und so vollzog sich der Wandel vom Edelpunker zum Vollzeitpunker: Er verlor den Arbeitsplatz und trat ein in die große Straßenpunkfamilie.Damit begann das finale Wüten gegen seinen Körper und sein Leben. Er soff, fraß Tabletten, nahm harte Drogen und befand sich auf einem Dauerturn, lebte dahin im Dauertran. Gelegentlich traf ich auf ihn in der Innenstadt beim Schnorren und eine Mensamarke konnte ich immer guten Gewissens abtreten. Mit irgendwelchen Appellen versuchte ich es erst gar nicht. Manchmal sah ich ihn durch die Stadt torkeln oder beim Spielen mit seinem Hund und einmal lag er völlig dicht an der Straßenbahnhaltestelle und spie irgend etwas aus. Ansprechbar war er nicht. Immer noch schleppte Georg ihn gelegentlich zum Duschen ab, kleidete ihn neu ein und versuchte ihn zum Ausstieg zu bewegen, zu einer Therapie zu überreden. Aber immer scheiterte es an irgend etwas - mal an Saschas Hund, der nicht mitdurfte und den man nicht allein lassen durfte, mal an der neuen Freundin, die seinem Leben auch ohne Therapie eine neue Wendung geben würde. Sascha lebte nun schon im fünften Jahr auf der Straße, versoff seine wöchentliche Sozialhilfe an einem Nachmittag, beschimpfte wahllos alte Männer als Nazimonster und hauste unter Brücken, in leerstehenden Häusern und eine Zeitlang in einer Wagenburg am Stadtrand. Straffällig wurde er nicht und er verwandelte sich bei all dem manchmal wieder in den kleinen Jungen mit den großen Augen und dem scheuen Lachen. Ja, er hatte auch gute Tage. Und er hatte Spaß mit den anderen Punkern. Und er hatte es so gewählt.
Punk war sein Leben, Müll war er nie, stand in der Todesanzeige, die mit Georg und seine Freunde von der Straße unterzeichnet war. Die Beerdigung fand auf dem Zentralfriedhof statt, an einem kalten, nebligen Vormittag. Es war meine erste Punkerbeerdigung und so war ich der einzige, der schwarz gekleidet erschien, wenn auch nicht im Anzug, sondern in schwarzen Jeans und einem langem schwarzem Mantel. Vielleicht mit Ausnahme von Saschas Mutter, aber die schien gar nicht dazuzugehören, sie stand abseits, unbeachtet von den fünfzig Punkern, zwei Althippies und fünf Sozialarbeitern, die gekommen waren. Polizei war keine da, obwohl ich beim Anblick der für den Hauptfriedhof ungewöhnlichen Trauergäste jeden Augenblick mit ihrem Eintreffen rechnete. Wir standen vor dem Hauptportal wie eine Horde Barbaren, die zum Sturmangriff auf ein Heiligtum der Christenheit rüstete. Es wimmelte von Hunden und überall sah man Nasenringe, Nieten und Ketten, hörte grelle Sprüche und laute Flüche und sah, wie Zigaretten, Bier und Schnaps die Runde machten. Georg wirkte völlig abgeklärt, er habe seinen Abschied von Sascha bereits am Tag zuvor am offenen Sarg genommen.
Mittlerweile war die Kapelle für die Totenmesse geöffnet worden und der Zug der Punks hatte sich in Bewegung gesetzt. Der Tote schien ihnen bereits entzogen, der geschlossene Sarg stand entrückt zwischen einigen Lorbeerbäumen und großen brennenden Kerzen. Die Kirche hatte sich des nun wehrlosen Sascha bemächtigt. Irgendwann stand ein Pfarrer vor dem Sarg, hob gebieterisch die Hände, sprach jedoch mit erstaunlich sanfter Stimme in die unruhige Menge. Er las einen Text vor, den Georg verfaßt hatte, aber nicht selbst vortragen wollte. Darin war von Saschas exzessivem Leben die Rede, von seinem Wunsch nach grenzenloser Freiheit, den verzweifelten Versuchen der Sucht zu entkommen, von seinen Schwächen und den vielen Stärken. Wir müssen dankbar sein, daß er uns gegeben war, lautete die Schlußformel und ich bewunderte diesen bedingungslosen Willen, das Gute in allem zu erblicken. Dann setzte die Musik ein. Es war einer von Sascha Lieblingssongs von den Scorpions.
Später zogen wir zum Grab. Während sich der Leichenzug langsam seinen Weg durch die Kälte bahnte, lauschte ich den Gesprächen um mich herum. Zwei Edelpunkerinnen unterhielten sich über die elterliche Öde, der sie schnellstens entkommen wollten: dem Aufstehen, Arbeiten, Fressen, Fernsehen, Pennen. Das bißchen Wochenende und die paar Tage Urlaub, was war das schon? Dann schon lieber früh abtreten. So wie Sascha. Vielleicht nicht ganz so früh. Dreißig brauchte man ja auch nicht gerade zu werden, aber irgendwann in der Unendlichkeit zwischen dem 16. und 26. Jahr konnte man getrost den Löffel abgeben. Nur diee Besten sterben jung lautete ein Lied von den Böhse Onkelz, der Lieblingsband von Sascha. Wir sahen zu, wie der Sarg von zwei Totengräbern an Seilen abgelassen wurde, der Pfarrer war längst verschwunden, hatte das Weite gesucht, war dieser Trauergemeinde der besonderen Art entflohen. Plötzlich knallten Korken und andere Verschlüsse. Aus allen Taschen und Jacken tauchten Flaschen auf: Bier, Schaumwein, Korn. Der Stoff machte die Runde, neue Bierflaschen wurden mit Feuerzeugen geköpft und die alten landeten auf dem Sarg. Eine Punkerin reinigte ihr Chillum und warf das schmutzige Papiertaschentuch ins Grab ebenso wie die leere Verpackung. Ich mußte wieder an die Todesanzeige denken: Punk war sein Leben, Müll war er nie. Der Gedanke, daß sie jetzt aus seinem Grab eine Müllgrube machten, griff wohl zu kurz.
Dann wurde gesungen. Die meisten hatten sich auf den Boden gesetzt, einige ließen die Beine ins Grab baumeln, starrten auf den Sarg und tranken. Auf Die Besten sterben jung folgte Wish you were here und darauf folgte Stille. Die Zeremonie dauerte nun schon eine Stunde. Sascha Mutter war längst gegangen und seine Schwester saß auf dem Erdhaufen und wiegte den Oberkörper hin und her und summte. Plötzlich ging es um das Erbe von Sascha und die Frage, wer den Hund bekomme. Es schien klare Absprachen zu geben, ein mündlich geäußertes Testament von Sascha. Saschas Schwester kämpfe für ihr familiäres Vorrecht, hatte aber gegen die allen bekannten Regelungen keine Chance. Immer wieder flogen leere Flaschen ins Grab und plötzlich begann einer mit dem Fuß, Erde ins Grab zu scharren. Mit lächerlich geringem Erfolg. Sonst holen die uns das Zeug wieder heraus, sagte er mit Anspielung auf die leeren Flaschen. Das sahen alle ein. Nun machten sich zwanzig, dreißig Punks daran, das Grab von Sascha mit den Füßen zuzuscharren. Bald war der Sarg mit einer dünnen Erdschicht bedeckt und die beiden Totengräber griffen ein. Die Verschalung müsse zuerst entfernt werden, ansonsten würde später alles wieder ausgebaggert werden. Die Punker hörten sofort auf, ließen statt dessen wieder Kronkorken knallen und Feuerzeuge klicken. Einer entdeckte einen Knochen, zweifellos menschlicher Herkunft. Er zeigte ihn triumphierend herum und ließ die morbide Trophäe schließlich in seiner Gesäßtasche verschwinden. Ein Kleinbagger kam angefahren und zog den Rahmen heraus. Die Totengräber hatten auch einige Schaufeln mitgebracht und die Punks verfielen wieder ihrer Obession. Schaufel um Schaufel donnerte auf den Sarg, der bald völlig mit Erde bedeckt war. Schon bei den ersten Anzeichen von Erschöpfung wurden die Arbeiter ausgewechselt. Diejenigen, die noch nicht dran gewesen waren, warteten ungeduldig auf ihren Einsatz und diejenigen, die sich wieder erholt hatten, hofften in der zweiten Reihe auf eine zweite Chance. Die anderen starrten gebannt auf das manische Hin und Her der Schaufeln, die auf das Grab niederregnende Erde und die keuchenden Punkkreaturen. Nach wenigen Minuten war das Loch verschwunden, ein Hügel war entstanden, der erst mit den Schaufeln festgeklopft und dann von hundert Springerstiefeln festgestampft wurde. Am Ende ergriff Saschas Schwester das Holzkreuz, steckte es am Kopfende des Grabes in die Erde, wo es von einem anderen Punk mit dem Schaufelrücken tiefer in den Boden getrieben wurde. Es war vollbracht, sie hatten ihren Sascha versorgt.
Dann war es still, doch gehen konnte keiner. Schließlich sagte einer in das Schweigen hinein, auch er wünsche sich, wie Sascha von seinen Freunden beerdigt zu werden und daß sie ihn nicht den Baggerschaufeln der Nazis überließen.