Ein knarrendes altes Treppenhaus
Portraits in Öl
Archaisches aus der Südsee
Schwebende Noblesse, tiefverwurzelter Stil
Mein Gott, wie reserviert
wie kühl und kühn
wie unnahbar
Und ihr war zum Kotzen
So zum Kotzen
Hannah, wie geht's Dir?
Hannah fühlte sich grauenhaft, sie hatte entsetzlich geschlafen. Sie kroch aus dem Bett
wie eine angeschlagene Diva - empört über das undifferenzierte Scheinwerferlicht des
neuen Tages, fassungslos über das Chaos ihrer privaten Requisiten und ernsthaft
empört über das Fehlen ihres nächtlichen Stuntmans.
Stattdessen eine Botschaft:
"Morgen liebste Luise - ich bin bereits in meine andere
Haut geschlüpft und spiele mein gewohntes Doppelspiel: den Schauspieler, der den
Schauspieler spielt. Bis heute Abend, Kuß Sebastian".
Luise?
Sebastian?.
Namen - nichts als Schall und Rauch. Hannah ließ den Zettel los. Er trudelte umher, flatterte effektheischend davon
und verschwand unter ihrem Bett.
Ein gelungener Abgang.
An dieser Stelle versagte das Drehbuch, versagte Hannahs Intuition und die Geduld des Regisseurs:
"Hannah, so geht das nicht ..."
Lieber Sebastian!
Ich bleibe noch einige Tage länger in Paris.
Schließlich ist egal, wo ich bin. Irgendwo ist nirgendwo und ich vermisse Dich hier sowenig wie dort.
Gruß Hannah
Wörter?
Welten?
Violinen?
Was denkst Du, Hannah?
Nun: »Das Leben ist anders, wenn man abhängig ist.«
Der Beleuchter reproduzierte das wattierte Galerielicht und Hannah ruschte in die
vom Drehbuch geforderte Melancholie.
Klappe die zwölfte: "Was wäre das Spiel ohne das Spiel mit der gespielten Ironie?"
Eine Galerie also.
Das gefrorene Auf und Ab der Pinselstriche.
Der Zweikampf der Farben, der Sieg der Kontraste.
Redundanz überall: als ob die Formen zur Unterscheidung der Dinge nicht genügten - wozu noch Farben?
Der Betrachter: erstarrte Huldigung vor Öl.
Oder war es nur die Leichenstarre, die diesen Körper zementierte?
Der Drehort war verwaist.
Die Tote war nicht vorgesehen.
Luise war sich unsicher, auch über die Todesart: Überdosis?
Hannah als morphinsüchtige Performancekünstlerin?
Wie konventionell, fragte sich der Regiseur, konnte ein Film sein, in dem Hannah die Hauptrolle spielte.
Hannah
erklärt ihre Abhängigkeit
beantragt ihre Betäubung
behauptet ihre Sucht
sie verzichtet auf ihre Nüchternheit
zitiert ihre Therapieabbrüche
verlangt eine sofortige Überdosis
und schenkt sich ein weiteres Leben
Der Sache fehlte der nötige Ernst. Das wußte auch Luise.
Eine Diele knarrte, der sichtbar werdende Schuh war schwarz - sein Leder ächzte
verächtlich. Dann Stille, die nach einer Weile fühlbar wurde, das einfallende Licht
hörbar machte (einige Quanten machten sich treulos aus dem Staub).
Der Tod passierte, der Nachmittag verging, die Klappe fiel.
Danke Hannah, das wars!