Seewolf trifft auf Steppenwolf

Ein Dialog zwischen Harry Haller (Steppenwolf) und Wolf Larsen (Seewolf):

**Szene:** Die raue, nebelverhangene Reling des Schiffes *Ghost*. Harry Haller steht vor einem vom Alter und von Narben gezeichneten Wolf Larsen, der teilnahmslos aufs graue Meer blickt.

**Harry Haller:** „Herr Larsen, wenn ich nur einen Moment Ihrer wertvollen Aufmerksamkeit beanspruchen dürfte. Ich habe Ihr Schicksal, wie es in den Aufzeichnungen dargelegt ist, mit tiefem Interesse studiert.“

**Wolf Larsen:** (Ein spöttisches Grinsen zuckt über seine Narben) „Mein 'Schicksal'? Ist das Ihr neues Spiel, kleiner Mann? Das Betrachten von Leichen unter einem Mikroskop?“

**Harry Haller:** „Keineswegs. Es ist die Tragödie der Trennung, die mich fasziniert. Ihr Geist, so scharf, so belesen – und doch so gefesselt an die rohe Materie, die nackte Existenz.“

**Wolf Larsen:** „Gefesselt? Ich war frei. Freier als jeder Ihrer Salonphilosophen. Die Materie ist die einzige Realität, mein Freund. Das Gerede vom 'Geist' ist der Nebel, der eure Segel füllt.“

**Harry Haller:** „Doch Ihr 'Ferment'-Gedanke, dass das Leben nur ein eitler Schaum auf der Oberfläche sei – ist das nicht die Verzweiflung eines Geistes, der seine wahre Heimat verkennt?“

**Wolf Larsen:** „Heimat? Das Meer ist meine Heimat. Und Verzweiflung ist ein Luxus, den sich nur die Weichen leisten können. Ein Mann kämpft, oder er stirbt. Es gibt nichts dazwischen.“

**Harry Haller:** „Und Ihre Beziehungen zu den Menschen an Bord, besonders zu Herrn Van Weyden... Sahen Sie in ihm nicht eine verdrehte Form von Gemeinschaft, von der Sie selbst ausgeschlossen waren?“

**Wolf Larsen:** „Ich sah ein weichliches, unfähiges Stück Fleisch. Ich formte ihn. Das ist keine 'Gemeinschaft', das ist Schöpfung, wie eine Auster ein Stück Perle formt.“

**Harry Haller:** „Doch die Liebe, Herr Larsen, die Liebe zu Maud Brewster – war das nicht ein Riss in Ihrer eisernen Lehre, ein Ruf des Lebendigen, der Sie zu entfesseln suchte?“

**Wolf Larsen:** „Liebe? Ein chemischer Zustand, ein Muskelkrampf. Ich fühlte meine Kräfte schwinden, das war alles. Ein Defekt, kein 'Ruf'.“

**Harry Haller:** „Ihre Krankheit, die Lähmung, die Sie am Ende ereilte – war sie nicht die Manifestation Ihrer eigenen Philosophie, die Zerstörung des Geistes, der den Körper zu sehr unterwarf?“

**Wolf Larsen:** „Es war ein Tumor. Ein dummer, fleischlicher Zufall. Nichts Metaphysisches, nichts Tiefsinniges. Sie suchen immer das Große im Kleinen.“

**Harry Haller:** „Doch hätte ein Funken des Humors, eine spielerische Distanz zu Ihrem eigenen Leid, Sie nicht vor diesem tragischen Untergang bewahren können?“

**Wolf Larsen:** „Humor? Sie meinen Lächeln im Angesicht des Todes? Das ist die Grimasse des Schwachen, der sich selbst belügt. Ich sah die Wahrheit: die Leere.“

**Harry Haller:** „Die Leere ist aber nur eine Facette. Ihr Kampf, Ihre Kraft, Ihre bewusste Wahl des Extremen – ich sehe darin eine verwandte Seele, die sich selbst in eine Hölle verbannte.“

**Wolf Larsen:** „Hölle? Ich nannte es Leben. Ihr seid die Verdammten, die in euren komfortablen Zimmern über das Dasein jammern. Ich habe gelebt, Harry, bis zum letzten Atemzug.“

**Harry Haller:** „Aber ohne die Gnade des Lachens. Ohne die Fähigkeit, die hundert Seelen in sich zu orchestrieren, statt sie in einem Todkampf zu zerreißen.“

**Wolf Larsen:** „Hundert Seelen? Ich hatte eine: die des Wolfes. Rein, einfach, hungrig. Sie sind der Schizophren, nicht ich. Gehen Sie und zählen Sie Ihre Splitter.“

**Harry Haller:** „Die Gefahr ist die Vereinfachung. Das Bürgertum vereinfacht. Aber auch Sie vereinfachten, indem Sie den Geist verleugneten und das Tier glorifizierten.“

**Wolf Larsen:** „Ich nahm das, was war. Ich war kein Märchenprinz. Und Sie, Steppenwolf, mit Ihrem halben Biss und Ihrem zaghaften Heulen, sind ein besseres Beispiel für jene 'Bürgerlichkeit', die Sie so verachten.“

**Harry Haller:** (Seufzt) „Vielleicht. Doch der Weg ist nicht zurück zum Tier, sondern durch das Tier hindurch zum wahrhaft Menschlichen. Zum Lachen der Unsterblichen.“

**Wolf Larsen:** (Spuckt verächtlich) „Unsterbliche? Ein weiteres Ihrer bequemen Märchen. Das ist Ihr Schwimmen im Wasser, wie Sie es nennen. Ich bleibe auf dem sinkenden Schiff. Es ist ehrlicher.“

**Harry Haller:** „Es war mir eine... aufschlussreiche Begegnung, Herr Larsen. Ihre Stärke ist unbestreitbar, aber so auch Ihre Tragik.“

**Wolf Larsen:** „Tragik ist eine Erfindung der Bücherwürmer. Leb wohl, Harry. Hoffentlich findet Ihr Seelen-Zoo ein paar Rehe, die es zu verschlingen lohnt.“

**Harry Haller:** (Ein leises, bitteres Lächeln) „Ein sehr wölfisches Schlusswort. Aber ich fürchte, die Jagd beginnt erst. Und vielleicht ist sie auch für Sie nie wirklich zu Ende gewesen.“